Schreiblust versus Schreibfrust
Mein Beitrag in dieser Anthologie
Limitierte Auflage/100 ST. Florian Zach (Herausg.)
Monika Karb
Ich feierte meinen dreizehnten Geburtstag.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, von wem ich dieses einfache Geschenk bekam, aber die Freude, die in mir aufstieg, ist sofort wieder in mir präsent:
Mein erstes Tagebuch.
Vermutlich wurde mir damit nicht nur das abschließbare, kleine, rote Büchlein mit den großen weißen Herzen geschenkt, sondern noch etwas wesentlich Bedeutsameres als das: Meine Freude und Liebe zum Schreiben wurde an diesem Tag entfacht.
Dreizehn Jahre, schüchtern, introvertiert und pubertär … so war ich. Ich war fasziniert von meiner Traumwelt, die heimlich in mir entstand. Ein hervorragender Zufluchtsort vor einer Welt, die mich kaum verstand. Alle meine Empfindungen über meine Misserfolge zum Beispiel bei den Jungs in der Schule, Konflikte in meiner Familie, aber auch die größten und besten Glücksgefühle schrieb ich in diesen jungen Jahren bereits auf.
Dabei befand ich mich in dem prickelnden Spannungsfeld des Geheimnisvollen. Kein Mensch durfte vom Inhalt erfahren und doch spielte ich mit der Vorstellung, was wäre, wenn diese intimen Seiten in andere Hände kämen.
Zwei Jahre später befand ich mich in einer schwerwiegenden Krise, die mich um ein Haar mein Leben gekostet hätte. In meiner inneren Finsternis suchte ich einen abgelegenen Ort nahe eines Waldrandes auf einem leichten Hügel. Ich hatte Utensilien dabei, mit denen ich mein Leben beenden wollte.
An diesem deprimierenden Tiefpunkt wurde ich übernatürlich von Gottes großer Liebe für mich überrascht. Er schenkte mir einen unvergesslichen Blick für seine wunderbare Schöpfung der Natur und das erwachende Bewusstsein, dass ich ein winziger, aber wichtiger Teil davon bin. In diesem Augenblick war es mir nicht mehr möglich, dieses Geschenk des Lebens wegzuwerfen. Von diesem Tag an redete ich im Stillen mit Gott, als wäre er mein bester Freund. Mein Tagebuch füllte sich mit Dankgebeten und mit Hilferufen meiner Seele, die sich zu entwickeln begann. Das Schreiben wurde zu meinem Überlaufventil. Es hatte etwas enorm Befreiendes und Befriedigendes. Es beruhigte mich und ließ neue kreative Ideen in mir entstehen. Ich bekam das Bedürfnis, mein Innenleben in Gedichte zu fassen. Blockaden lösten sich spürbar, wenn ich sie mir notierte. Der Glaube und meine wachsende Beziehung zu Gott spielte dabei eine immer größer werdende Rolle. In wenigen Monaten kam ich an der letzten Seite meiner geheimen Notizen an. Kein Problem! Ich lernte einen Jungen kennen, der mich schon vor diesem Tagebuchabschluss mit einem neuen, wunderschönen Diary beschenkte. Ich war sprachlos und überwältigt.
Es folgten mit den Jahren noch ein paar andere Exemplare, die ich mir aber selbst aussuchte. Leider brachte mir meine Schreibfreude im Deutschunterricht wenig Erfolg. In den letzten beiden Jahren meiner Schulzeit hatte ich eine Lehrerin, deren Aufgaben ich nicht recht umsetzen konnte. Ich musste mich mit einem traurigen 'Ausreichend' abfinden.
Der Liebeskummer gescheiterter Beziehungen; der Beginn meiner Ausbildung zur Köchin; das Verliebt sein in einen Kochlehrling und wenige Jahre später auch die Hochzeit mit ihm - all das wurde schriftlich festgehalten. Katastrophen und Highlights meines jungen Erwachsenenlebens konnte ich auf diese Weise am allerbesten verarbeiten und noch dazu in späteren Jahren nachlesen.
Gott lenkte mich mit der Zeit durch die berühmten tiefen finsteren Täler aus Psalm 23, 4:
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Durch chronische Depressionen, Angst- und Schwächezustände und etliche andere Beschwerden musste ich gezwungenermaßen lernen meine Gedanken und Haltungen erst einem Seelsorger und dann sogar einigen Psychotherapeuten mitzuteilen. Das war anfangs auch nur in Briefform möglich, so heftige Widerstände waren zu überwinden. Meine Seelsorgerin konnte mir in dieser Zeit bestätigen, dass das Schreiben ein idealer Weg für mich ist, mich auszudrücken. Sozusagen Balsam für meine geplagte Seele, meine ungewöhnliche Medizin aus Gottes Hand. Von unterschiedlichen Seiten bekam ich erfreulicherweise zu hören, wie begabt ich darin bin.
Nachdem offensichtlich durch die hilfreiche therapeutische und seelsorgerliche Arbeit bei mir einige Fesseln gelöst wurden, schenkte mir unser Vater im Himmel auf erstaunliche Weise einen neuen Zugang zur virtuellen Welt. Meine Familie konnte es nicht glauben, dass ich in kürzester Zeit ein Computerfreak wurde, denn ich hatte zuvor null Ahnung und genauso wenig Interesse daran. Ich war ihr größter Gegner, wenn sie vor dem PC saßen. - Und plötzlich sitzt die Mutter am meisten davor. Ein christliches Forum half mir, meine Hemmungen vor der Öffentlichkeit abzubauen. Schritt für Schritt wurde ich mutiger, mein Glaube und meine bisherigen Lebenserfahrungen in Forenbeiträgen weiterzugeben, wobei andere Teilnehmer von meiner Hilfe profitieren konnten.
Schließlich entdeckte ich zusätzlich die Faszination eines Kochrezepteforums, in dem ich eine zweite Überzeugung von mir ausgiebig ausleben konnte: Ich wagte mich, eigene Vollwertrezepte auszuprobieren und zu veröffentlichen. Ich schrieb und schrieb und schrieb. Eine Euphorie und Begeisterung ergriff mich, bei der meine Familie und meine Bekannten oft nur ungläubig den Kopf schütteln konnten. Für sie war das alles nicht nachvollziehbar. Leider waren sie auch nicht so begeisterungsfähig über meine neugewonnene Fähigkeit. Aber mir flossen die Ideen zu, dass ich sie zeitweise gar nicht alle verarbeiten konnte. Wie ein Wasserfall fühlte ich mich von Inspirationen überströmt.
Das Rezepteforum schrieb im Dezember 2009 einen Wettbewerb mit dem schönen Thema: "Rezepte für feierliche Anlässe" aus. Super! Da lieferte ich gerne einige passende Beiträge dafür. Die Beteiligung war enorm. Die zwei Hauptpreise waren für alle eine verlockende Herausforderung: Es gab zweimal den Gewinn, ein eigenes Kochbuch zu schreiben und im Buchhandel zu veröffentlichen. Da hatte sogar ich Feuer gefangen, obwohl ich sonst gar nicht an Wettbewerben teilnehme. „Ob ich eine Chance habe?“
Anfang Januar rückte der Einsendeschluss näher und damit wuchs meine Spannung ins unerträgliche. Ich hatte schon viele Ideen im Kopf, was alles ins Buch kommen sollte. Der Abend vor dem Wettbewerbsende trieb mich schließlich ins Gebet:
"Mein Gott, wenn Du möchtest, dass ich für dich ein Kochbuch schreibe, dann lass mich doch diesen tollen Preis gewinnen.
Ich würde den Erlös der Missionarsfamilie spenden, die von unserer Gemeinde unterstützt wird. Amen."
Es war besser, als ein Sechser im Lotto! Es war eine Gebetserhörung. Ich hatte den Preis wahrhaftig gewonnen und Gott hatte mich über Nacht zu seiner Kochbuchautorin gemacht. Rezepte, Gedichte, Tischgebete, Bibelverse zum Thema und manches mehr flogen mir gerade so zu. Aber damit noch nicht genug. Es war mein erstes Werk. Wie schreibt man ein Buch? – Ich war kurz vorm Platzen: Randvoll mit Ideen, aber ich wusste nicht gleich, wie das alles funktionieren sollte. Erste Frustrationen wollten sich breit machen. Geduld war angesagt und nicht mehr dieses Senkrechtstarten. Ich benötigte Hilfe. Ohne entsprechende Ausbildung und Vorkenntnisse stand ich vor meinem Herrn und kam mir vor, wie Petrus, der auf dem Wasser gehen wollte, aber dann zu sinken drohte.
"Herr, ich brauche Deine Hilfe! Wie soll ich es machen?" –
Psalm 32,8 war eine Lösung für mich: Der Herr gab mir auf mein Gebet die Antwort:
"Ich selbst will dich in allem führen, was du tust.
Ich unterweise dich und zeige dir den rechten Weg für dich.
Ich lass dich nicht mehr aus den Augen, dich zu leiten, dir zu raten!"
So war es tatsächlich. Ich fand noch andere Beter, die dieses Projekt begleiteten; im Autorenforum konnte ich alles fragen, was ich nicht verstand. Eine wunderbare Freude entstand in mir, diese himmlische Führung zu erfahren. Hallelujah! Gott stellte mir auch noch eine christliche Lektorin zur Seite, die das Werk ehrenamtlich überarbeitete. Sie war mir vorher völlig unbekannt. Heute ist sie eine liebe Freundin und Ratgeberin für mich. Gut, es handelte sich nur um 80 Seiten. Mehr waren im Gewinn nicht enthalten. Aber für den Anfang meines Autorendaseins die optimale Größe. Zudem für die meisten Gerichte ein Foto dazu kam. Sogar im Bereich der Fotografie lernte ich schnell dazu.
Kaum war ich am Ende des Projekts angelangt, startete ich gleich meine zweite Vision:
Eine christliche Anthologie mit anderen Interessenten, die noch nie etwas veröffentlicht hatten. Ich war nicht zu bremsen. Meine Dankbarkeit gegenüber meinem Schöpfer kannte keine Grenzen. Nie hätte ich es damals für möglich gehalten, dass er so etwas mit mir vor hat. Ich singe und tanze und juble vor Freude über so viel Gunst.
Was ich lernen musste war, mich nicht herunterziehen zu lassen, als der erhoffte Erfolg über den Verkauf meines Kochbuches ausblieb. Ich konnte mich dann über wenige Personen freuen, die ein Buch kauften und somit das Missionsprojekt unterstützten. In Monaten, in denen ich kein einziges Buch unter die Menschheit bringen konnte, prüfte Gott mein Vertrauen auf seine Möglichkeiten. Er schenkte mir dadurch den inneren Frieden, den ich ohne seine unendliche Liebe für mich ganz gewiss nicht gefunden hätte. Vereinzelt entwickelte sich auch eine Schreibblockade, von der jeder Autor ein Lied singen könnte. Andere Dinge bekamen von mir mehr Prioritäten, da es für mich keinen Zeitdruck für dieses zweite Werk gab, es sei denn, ich machte mir welchen. Es kostete mich oftmals Überwindungskraft, mich erneut ans Werk zu setzen. Es bildete sich ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt aus, der an manchen Tagen bis spät in die Nacht hinein ging. Wenn es gut floss, dann ließ ich es auch brummen und keine Zeit der Welt konnte mich davon abhalten.
Welche Bedeutung hat das Schreiben für mich?
Alles was ich tue, tue ich mehr oder weniger bewusst für Gott. Der schriftliche Ausdruck ist für mich das Weitergeben der Eindrücke, die ich durch meine enge Beziehung zu meinem Vater im Himmel und durch sein Wort in der Bibel an jedem neuen Tag erhalte. Das sind nicht immer nur erfreuliche und angenehme Erlebnisse. Gottes Wege führen genauso durch schwere Zeiten der Not oder unerträgliche Krankheiten. In seiner Schule habe ich Barmherzigkeit, Demut, Gebet und Nächstenliebe lernen dürfen; in dem Maße, wie es für mich und mein Umfeld nötig ist. Wenn ich mich an die Tastatur setze, dann lasse ich mich von seinem guten Geist leiten und inspirieren. Mit allen Sinnen stelle ich mich auf Empfang ein. Falls ich kein Empfang habe, sende ich ihm meine Fragen und Bitten:
"Mein Vater im Himmel, was ist Dir heute wichtig?
Rede zu mir und gib mir Deine Gedanken.
Lass mich schreiben, was Du segnen und gebrauchen willst. Amen." –
Nicht selten spüre ich eine Antwort in meinem Gewissen, dass es gar nicht der Zeitpunkt dafür ist. Zuerst ist meine ungeliebte Hausarbeit dran, die schon nach Bewältigung ruft. Oder meine Aufmerksamkeit wird von den Kindern oder meinem Mann gewünscht. Dann muss ich mich sehr zusammen nehmen, denn viel lieber würde ich schreiben. Die Suchtgefahr ist auf diesem Gebiet nicht zu unterschätzen.
Meine Lust und Freude am Schreiben überwiegt derzeit deutlich über dem Schreibfrust. Denn in den Foren für Autoren; in den überquellenden Bücherläden und in hunderten Autoren-Websites hatte mich auch schon das Frustmonster gepackt, um mich unsicher zu machen, was ich den bei den Schriftstellern verloren habe: "Was hast Du zu bieten? Keine Schreibausbildung! Keine Seminare! Du hast absolut keine Chance auf dem Büchermarkt! Gib es auf! Du gehörst an den Herd in Deiner Küche!"
Muss ich mir eine derartige Abwertung gefallen lassen? Früher hatte ich einmal eine Antwort für solche erniedrigenden Angriffe des inneren Widersachers: "Das tangiert mich äußerst peripher!"
David gegen Goliath fällt mir spontan zu diesem Beispiel ein. Der Mann Gottes hatte nichts als seine Steinschleuder und die Fähigkeit, damit zielsicher umzugehen. Doch David antwortete:
"Du trittst gegen mich an mit Säbel, Spieß und Schwert.
Ich aber komme mit dem Beistand des Herrn, des Herrschers der Welt, des Gottes,
dem das Heer Israels folgt und den du verhöhnt hast."
(1. Samuel 17, 45; Die Gute Nachricht Bibel)
Ich habe nicht das Wissen und die Fähigkeiten großer Schriftsteller, aber ich habe den Auftrag und die Gabe Gottes samt seiner wunderbaren, starken Führung. Wovor sollte ich mich fürchten? Einen Bestseller brauche ich nicht. Nur das gesunde Gottvertrauen, dass er selbst etwas aus dem Werk macht, das er mir aufs Herz gelegt hat. Sollte er durch wenige meiner Bücher wirken wollen, dann werde ich damit dankbar sein. Der Segen, der mir versprochen wurde, erfüllt mich doch bereits in dem Augenblick, in dem seine Gedanken und Worte in mir zu Papier gebracht werden. Ich glaube einfach nicht, dass ich das nur für wenige Leser tun darf.
Autoren-Homepage von Monika Karb
